Wein ist Leidenschaft



Im Tessin sind rund 1000 Hektaren Boden mit Reben bestockt. Rotweine aus Merlot dominieren, doch Weisse sind im Vormarsch. Auf Gaby Gianinis Castello di Morcote wird beides gepflegt.

Auf einer Landzunge am Luganersee liegt das Landgut Castello di Morcote. Zuoberst thront eine Burg, die von den Visconti, den Herzögen von Mailand, Mitte des 15. Jahrhunderts errichtet wurde. Viel Wald, Wiesen, aber auch Rebberge prägen das idyllische Bild. Sie liegen hoch über dem Dorf Morcote, zwischen See und Himmel. Hier liegt das Reich von Gaby Gianini. Sie gehört zur Besitzerfamilie des Castello und nahm 2009 das Wein-Zepter selber in die Hand. Ihr Vater hatte das Anwesen veräussern wollen.
«Wein ist Leidenschaft», begründet die Kunsthistorikerin ihr Veto gegen den Verkauf. Gianini krempelte die Strategie des Guts vollständig um. Jahrelang wurden die Weine von Claudio Tamborini vinifiziert. Die Herrin von Castello di Morcote verpflichtete mit Michele Conceprio einen angesehenen und versierten Önologen und füllt seither die Weine selber ab.
Auf dem Betrieb dominieren die roten Sorten, wie es im Tessin üblich ist. Die gesamte Rebfläche des viertgrössten Anbaugebiets der Schweiz macht gut 1000 Hektaren aus. Davon sind über 80 Prozent mit Merlot bestockt. Lange Zeit wurden eher ambitionslose Weine aus farbigen Keramik-Krüglein ausgeschenkt – nichts für ambitioniertere Geniesser. Den Weg in eine bessere Zukunft wiesen Deutschschweizer. Sie versuchten in den achtziger Jahren ihr Winzerglück in der Sonnenstube, in der aber durchschnittliche Niederschläge von bis zu 1000 Millimetern pro Jahr eine Gefahr für die Trauben sein können.
Namen wie Christian Zündel, Daniel Huber oder Werner Stucky schafften es trotz manchmal schwierigen klimatischen Bedingungen, gehaltvolle, lagerfähige Merlots zu keltern. Wie bei den grossen Bordeaux-Gewächsen aus St- Emilion und Pomerol setzte man auf die klassische Maischegärung und den Ausbau der Weine in französischen Barriques. An manch einer Verkostung mit verdeckten Etiketten überraschten die Tessiner und wurden höher bewertet als berühmte Namen aus dem Bordeaux. Den Deutschschweizern folgten die Tessiner Betriebe wie Gialdi oder Zanini, die das Heil ebenso in der Qualität statt in der Quantität sehen. Die gleiche Philosophie verfolgt Gaby Gianini von Castello di Morcote, die möglichst ehrliche, ausdrucksstarke Weine produzieren will. Im Rebberg entscheide sich die Qualität der Weine, sagt die dreifache Mutter, die sich in ihrer spärlichen Freizeit auch gerne um die Kunst kümmert. Sie investiert viel Zeit in die Weingärten, die sie nach biologischdynamischen Methoden bearbeitet, womit sie Vorreiterin im Tessin ist. «Ich kann der Chemie nichts abgewinnen», sagt Gianini.
Der Aufwand ist entsprechend höher: Statt fünf- bis sechsmal müssen die Mitarbeitenden je nach Jahr bis zu dreissigmal durch die Rebberge laufen und spritzen, sofern das Wetter nicht mitmacht. Castello di Morcote verfügt über ein besonderes Terroir, das durch Porphyr- und Granitgestein geprägt ist. Die Lage ist perfekt gegen Süden ausgerichtet. Neben der Hauptsorte Merlot wachsen der rote Cabernet Franc und der weisse Chardonnay. Merlot sei fürs Tessin wegen des Klimas die passende Sorte, erklärt Gianini: «Sie gehört seit Jahrzehnten zu unserem Kanton.» Für die Vinifikation ist Gaby Gianini dabei, einen neuen Keller zu bauen, der wohl für die diesjährige Ernte erstmals in Betrieb genommen werden kann. Ihr ist wichtig, dass präzis, sauber und hygienisch einwandfrei gearbeitet werden kann. Bester Wein aus dem Keller des Gutes ist der Castello di Morcote Rosso, der zu 90 Prozent aus Merlot und aus einem kleinen Anteil Cabernet Franc gekeltert wird. Der Ausbau erfolgt während mindestens eines Jahres in neuen französischen Barriques. Der mittelschwere, elegante 2011er mit guter Länge wirkt noch immer jugendlich und besitzt ein exzellentes Reifepotenzial (39 Fr.). In schlechten Jahren wie 2014 wird der Wein nicht produziert. Indessen kommt eine Riserva der besten Parzellen auf den Markt, sofern es sich um einen aussergewöhnlichen Jahrgang wie 2011 oder 2013 handelt (59 Fr.).
Kürzlich hat sich Gaby Gianini das Weingut von Adriano Kaufmann aus dem Malcantone einverleibt. Er gehörte wie Zündel und Co. zu den Deutschschweizer Auswanderern, die das Potenzial im Tessin erkannten. Mit der Übernahme kam das Castello di Morcote nicht nur in den Besitz erstklassiger Rotweine wie Pio della Rocca, sondern auch zu einem Sauvignon blanc, der zu den Besten der Schweiz gehört. Der Wein vergärt in kleinen Holzfässern und braucht etwas Zeit, bis er sich in voller Schönheit präsentiert. Als Vorbild dienten Kaufmann die Weine der Domaine Didier Dagueneau, des Aushängeschilds der französischen Appellation Pouilly-Fum ´e im Loire-Tal. Auch auf Castello di Morcote werden Weisse erzeugt, einerseits der gehaltvolle, gut strukturierte, im Barrique ausgebaute Bianco, der zu 90 Prozent aus weiss abgepresstem Merlot und zu 10 Prozent aus Chardonnay besteht (39 Fr.) Andererseits gibt es den fruchtbetonten, frischen Bianca Maia aus dem Stahltank (20 Fr.). Er setzt sich aus 90 Prozent Merlot – die Trauben werden direkt abgepresst – und 10 Prozent Sauvignon blanc – die Trauben werden separat vinifiziert – zusammen. Ein Wein, der in der Jugend am meisten Genuss bereitet. Die weissen Sorten spielen im Tessin flächenmässig mit einem Anteil von weniger als 10 Prozent eine bescheidene Rolle. Da aber Merlot wie weisse Gewächse verarbeitet werden können, wie die Beispiele von Castello di Morcote zeigen, macht die Herstellung immerhin rund 30 Prozent der gesamten Produktion im Tessin aus. Vor allem für Chardonnay scheinen die Perspektiven günstig zu sein.
Jedenfalls ist Christian Zündel aus dem Malcantone davon überzeugt. Dem charismatischen Winzer gelingt es, finessenreiche Lagenweine mit kühler Aromatik und innerer Spannung in die Flasche abzufüllen. Einen kräftigen Typ mit mehr Holz-Einsatz keltert das Haus Zanini mit seinem teuren Castello di Luigi, der aus dem Mendrisiotto stammt.

von Peter Keller
mehr www.nzz.ch